Hamburg-Uelzen

Hamburg am Morgen

Hamburg am Morgen

Morgens um Sieben kam ich also in Hamburg an und ging wie so oft in Richtung DB Lounge, wohl zum letzten Mal für viele Tage. Ab jetzt nur noch Bus.
Bei einer Tasse Kaffee und einer Zeitung checkte ich meine Verbindungen. Laut HVV gab es eine Verbindung, die mich bis zum Abend nach Uelzen bringen würde und so kurz nach 10 Uhr losfuhr.

Zeit also für Museen. Leider sind auch in Hamburg viele Museen Montags geschlossen, so auch das Museum für Zusatzstoffe und die Hokusaiausstellung war auch zu. Mist aber auch.
Ich schaute deshalb nach früheren Bussen und tatsächlich würde gleich ein Bus in die Richtung meines ersten Zwischenstopps fahren.
Und so nahm ich für 7,10 Euro den Schnellbus nach Borghorst um dort prompt den ersten Anschlussbus zu verpassen. Ich sah ihn noch wegfahren!
Also einen Kaffee getrunken, eins der leckeren Bahnbrote gegessen und nach Alternativen umgeschaut. Es ging leider erst eine Stunde später wieder ein Bus.

Und auch in diesem Bus nach Geesthacht das gleiche Spiel: Um eine Minute den Anschluss verpasst. Der Plan war einfach Schei*e getaktet. Keine Chance bei minimalen Verspätungen den Anschlussbus zu bekommen. Pausen von 2 Minuten sind einfach zu wenig.
'Ne Stunde am Bahnhof rumsitzen wollte ich natürlich auch nicht und so machte ich mich auf den Weg durch dieses hübsche kleine Städtchen Richtung Elbe.

Die Elbe bei Geesthacht

Die Elbe bei Geesthacht

Das Geesthachter Haus mit dem Stadtmuseum und dem Ort, an dem das Dynamit erfunden wurde, war noch zu, würde erst in einer halben Stunde öffnen. Also doch erstmal an die Elbe. Und das war es echt wert. Geesthacht hatte sich richtig rausgeputzt mit einem wunderschönen Ufer, einer Strandbar und einem kleinen Amphitheater.
Zurück im Ort erfuhr ich leider, dass gerade Umbau im Museum war und es deshalb ausnahmsweise geschlossen sei. Ob ich nächste Woche wiederkommen könne?
Verneinend machte ich mich auf die Suche nach lokalem Essen und entdeckte beim Bäcker Brötchen mit „Dänisch Ei“. War auch ganz lecker.
Dann kam mein Bus nach Niedermarschacht, der aber nach einigen Kilometern an einer großen Brücke hielt:

„Hier müssen sie aussteigen. Gehen Sie über diese beiden Brücken und dann rechts in das Dorf hinein.“
„Aber ich dachte, der Bus fährt bis Niedermarschacht Ernst-Reinstorf-Schule?“
„Nein, tut er nicht.“
„Aber so steht es im Plan.“
„Ich hab den Plan nicht gemacht und halte hier.“

Also stieg ich aus und begann über die riesige Brücke zu laufen. Eindrucksvolle Staustufen, endlose Wasserflächen und kein Ende der Brücke in Sicht. Und dann sollte ja noch eine Brücke kommen...
In Niedermarschacht schaute ich auf meine Karte und stellte fest, dass der Ort sich bandwurmmäßig an der Elbe entlangstreckt und ich lief weiter an der Ernst-Reinstorf-Schule vorbei zur Grundschule, denn hier hätte ich nochmal umsteigen müssen. Mit einer freien Stunde im Rücken besuchte ich den Getränkemarkt und kaufte mir lokales Bier. Die mit Alkohol für abends eins ohne Alkohol gleich.

Was war ich enttäuscht, als das angeblich lokale Bier nur für die lokale Getränkemarktkette abgefüllt wird, in Wahrheit aber aus Bayern stammt. Danke für die fachkundige Beratung. Traue niemandem!
Damit war ich wieder im ursprünglichen Zeitplan. Nun durfte nichts mehr schiefgehen, wollte ich das hochgesteckte Ziel Göttingen unter Umgehung Hannovers noch erreichen.

Malerische Altstadt Lüneburg

Malerische Altstadt Lüneburg

Der Bus nach Lüneburg kam pünktlich auf die Minute und ich kam auch pünktlich auf die Minute an.
Hier war von vornherein eine Pause eingeplant gewesen und ich fand nach einer kurzen Sightseeingtour durch die sehenswerte Altstadt ein persisches Restaurant mit leckerem Malzbier aus Persien mit Granatapfelaroma. Köstlich.

Und dann fiel eine tragische Entscheidung: Anstatt bis nachmittags gemütlich Soltau zu erreichen und dort zu nächtigen und nach Hannover weiterzufahren, packte mich der Ehrgeiz. „Göttingen oder Stranden!“ lautete die Parole. Sieben Mal umsteigen und ein bißchen Laufen, immer mit viel Zeit zwischen den Bussen. Es erschien machbar. Und schließlich war das ja ein Rennen, oder?
Ein bißchen Enttäuschung schlich sich zwar ein, sollte das tatsächlich so schnell vorbei sein? Du wolltest doch Freunde in Hannover besuchen? Aber vorwärts immer, rückwärts nimmer!

Um Viertel vor drei fuhr der Bus nach Melbeck, Hohe Luft mit 500 Meter Fußweg zu Melbeck, Uelzener Strasse.
Irritierend war, dass ich pünktlich ankam und die Haltestelle Uelzener Strasse nur 5 Meter entfernt lag. Wo kamen die 500 Meter im Internet her?
Vermutlich 250 zum nächsten Zebrastreifen und dann wieder 250 Meter zurück.
Egal, ich machte einen Rundgang durch das Örtchen und wartete auf den Bus.
In der Heide kostet jeder Bus extra Geld. Es gibt zwar eine Auskunft im Internet, die einen „Fahrplan“ vorhält, aber jeder Bus ist ein Einzelkämpfer. Absprache und Taktung gleich null. Nagut, vielleicht auch ganz gut, die Taktung bei Hamburg hat ja auch nicht funktioniert.

Hier wie auf der ganzen Strecke hörte ich immer wieder, dass kein Bus Kontakt mit einem andern Bus hat. Ja, früher... Da gab es Funkgeräte. Aber die gibt es ja nicht mehr...
Ich kam dann irgendwie in Grünhagen an. Und auch der Busfahrer wusste nicht, wo der andere Bus abfährt. „Gibt es überhaupt einen andern Bus? Ich hab nie einen gesehen?“
Wie durch Zufall entdeckte ich einen Kasten mit Solarbetrieb. In der Mitte war ein Knopf. Den konnte man 20-3 Minuten vor Fahrtbeginn drücken und dann käme ein Rufbus.
Spannend war, dass es kein Feedback am Automaten gab: Hab ich gedrückt? Hat es funktioniert? Kommt ein Bus? Mit Platz für wieviel Leute? Niemand weiß es, bis der Bus kommt oder auch nicht.

Schrödingers Rufbuskiste

Schrödingers Rufbuskiste

Schrödingers Kiste für Linienbusse.
Gottseidank wartete ich auf einen Linienbus und musste mich nicht dieser eigentlich sinnvollen Installation anvertrauen.
Von Grünhagen Ort sollte es Richtung Uelzen gehen und ich in Bad Bevensen umsteigen. Ach wäre ich doch im Bus sitzen geblieben. Viel Abenteuer hätte ich verpasst und mir dafür keine Erkältung geholt, die mich bis zum heutigen Tag plagt.

Nach mehr als einer Stunde Aufenthalt ging es mit dem letzten Bus Richtung Brockhimbergen. Den Unglauben des Busfahrers an einen Bus 150 Richtung Duderstadt auf der Klappe tat ich mit einem Lächeln ab. Hatten doch viele Busfahrer bisher nichts von anderen Bussen gewusst. Welch grotesker Irrtum!
Jedenfalls kam ich mit dem letzten Bus in Brockhimbergen an und fragte den einzig verfügbaren Einwohner, wo denn der Bus 150 abfahren würde?

„Was für ein Bus? Den gibt es nicht! Gab es noch nie!“
Mit meiner Internetgläubigkeit wollte ich nicht so schnell aufgeben und rief beim Hannoveraner Verkehrsbetrieb an. Von denen hatte ich schließlich die Auskunft bekommen.

Das folgende Gespräch verlief unbefriedigend:
- Guten Tag, ich möchte den Bus 150 in Brockhimbergen benutzen und weiß nicht wo der abfährt.
- Das weiß ich auch nicht. Wo sind sie denn?
- In Brockhimbergen. B-R-O-C-K-H-I-M-B-E-R-G-E-N, kein Doppel E in Himbergen, wie Berg und Tal.
- Den Ort gibt es nicht.
- Verzeihung, das ist nicht Bielefeld. Ich steh physisch in diesem Ort. Und ich buchstabier noch mal alles.
- Den Ort gibt es nicht, er wird zumindest nicht angezeigt.
- Probieren Sie es mal ohne zwei Es.
- Stimmt, der Ort taucht auf. Wo möchten Sie hin?
- Von Brockhimbergen nach Duderstadt mit Bus 150.
- Da fährt nix.
- Ihre Auskunft hat das aber gesagt.
- (patzig) Da kann ich nix dafür, der Bus wird nicht von uns betrieben.
- Ich hab ja auch nicht gesagt, dass Sie persönlich etwas dafür können. Aber ich steh jetzt in Brockhimbergen, hab den sicheren Bus nach Uelzen verlassen, weil Ihre App mir dazu geraten hat. Und jetzt würde ich gerne wissen, wie ich von hier wegkomme.
- Das kann ich Ihnen doch nicht sagen!
- Wer denn dann, wenn nicht die Auskunft?
- Ich jedenfalls nicht!
Und legt auf.

Brockhimbergen ist nicht groß, 70 Einwohner. Bis auf Helmut S., der noch Hecke schnitt, waren wohl alle schon bei der Feuerwehr zum Fest. Ich wurde eingeladen wahlweise mitzukommen oder nach Bad Bevensen gefahren zu werden.

Der 1000jährige Stein von Brockhimbergen

Der 1000jährige Stein von Brockhimbergen

Daraufhin lehnte ich dankend und bedauernd ab und erzählte, wie es zu dieser Situation gekommen war. Herr S. war auch ein Weltreisender und brachte ein gewisses Verständnis für mich auf. Er zeigte mir noch den 1000jährigen Stein und verabschiedete mich freundlich auf den Fußmarsch über Weste nach Uelzen. Wär ich doch im Bus geblieben.

Und dann ging es nach Weste und durch andere Orte immer der Straße entlang 25 km Richtung Uelzen, wo ich schon nachmittags hätte sein können. Super Internet! Und ich versprach mir, mehr auf Busfahrer zu hören. Die waren die Profis für ihre Strecken.
Bisher hatte ich auf der ganzen Reise, so kurz sie bisher war, Glück gehabt. Geregnet hat es immer nur, wenn ich im Bus saß. Aus-, Um- und Einstieg geschahen immer bei Sonnenschein.
Doch mein Glück schien sich zu wenden. Kurz vor Molzen (?) zog der Himmel sich zu und ich erreichte gerade noch eine Bushaltestelle bevor der Regen niederging.

Hab ich schon erwähnt, dass ich am andern Ende von Brockhimbergen einen Bus verpasst habe? Der nicht im System stand? Und das um 3 Minuten? Weil ich zu lange mit Herrn S. und vor allem der Auskunfttante geredet habe?
Nicht gerade freundliche Gedanken gingen mir durch den Kopf als ich im Bushäuschen auf der Bank lag und dachte, Mist, das Dach ist undicht! Es war nicht undicht. Der Hagel ist vom Boden aufgesprungen und ins Häuschen hinein.

Hagel in Molzen

Hagel in Molzen

Herr Hartmann weiß sich natürlich zu helfen. Flugs die Picknickdecke mit der wasserabweisenden Unterseite hervorgeholt und über mich und die Taschen gelegt.
Gemütlich drunter vorgelugt, wie die Straße binnen Minuten zu einem reißenden Bach wurde und den armen Feuerwehrmann bedauert, der durch den Regen in voller Uniform sprintete.
Darüber muss ich wohl eingeschlafen sein. Gegen halb elf, also eine Stunde später wachte ich wieder auf. Dachte, ändert ja nix und machte mich wieder auf den Weg Richtung Uelzen.

Der nächste Bus wäre morgens um halb Acht gefahren und ich hatte Angst einen frühen Bus zu verpassen. Leider waren meine Schuhe nicht ganz wetterfest und ich lief mir höllische Blasen ohne umkehren zu können.
5,4 Kilometer noch bis Uelzen und 7,4 bis zum Bahnhof. 5,4 km das sind 108 Streckenbegrenzungsposten. Und so lief ich im Dunkeln an der Straße entlang und zählte rückwärts von 108 die Posten. Blieb stehen, wenn mich ein entgegenkommendes Auto blendete. Knirschte beim Wiederloslaufen mit den Zähnen ob der stärkerwerdenden Schmerzen und ging weiter und weiter. Wobei, ein Highlight gab es ja doch. Oder deren viele: Leuchtende Glühwürmchen umschwärmten mich.
Das Industriegebiet von Uelzen ist hässlich wie jedes andere Industriegebiet und nicht motivierend für den Schlusssprint, aber irgendwie kam ich doch nach Uelzen.
Es war kurz nach Mitternacht, alle Lichter aus und für die Ausnüchterungszelle war ich leider nicht besoffen genug.

Blieb nur noch der Bankautomatenraum für einige wenige Stunden unruhigen Schlafes.
Nicht ganz im Zentrum, da könnten Bankkunden oder Polizisten einen aufscheuchen aber auch nicht zu weit weg vom Weg zum Bahnhof.
Und so landete ich im grell erleuchteten Vorraum der Targobank und legte mich hinter den Geldautomaten.

 

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